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Wissenschaft trifft Politik

02/06/2026: Aufbau einer europäischen Weltraumsicherheitsstrategie

Am Dienstag, den 2. Juni 2026, veranstaltete das Jacques Delors Centre im Rahmen der deutsch-französischen Veranstaltungsreihe der Pariser Platz Gespräche erneut ein Event im „Wissenschaft trifft Politik” Format. Die von der französischen Botschaft in Deutschland mitorganisierte Veranstaltung umfasste zwei Podiumsdiskussionen zur Gewährleistung der europäischen Sicherheit im Weltraum sowie zur Rolle europäischer Unternehmen im Hinblick auf innovative Weltrauminfrastruktur.

Kooperation, Wettbewerb und Sicherheit im Weltraum

Der französische Botschafter in Deutschland, François Delattre, betonte in seiner Eröffnungsrede das neue Kapitel in den deutsch-französischen Beziehungen, basierend auf der Toulon-Agenda 2025. Er erinnerte an die existenziellen Bedrohungen, denen Europa von innen und außen ausgesetzt ist, nicht zuletzt durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Seiner Ansicht nach ist „der Weltraum einer der Schlüssel sowohl zur europäischen Souveränität als auch zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit, die zwei Seiten derselben Medaille sind“.

General Philippe Adam, Generalsekretär des Internationalen Weltraumgipfels, sprach über die Bedeutung der Zusammenarbeit, die alle einbeziehen muss – die Industrie, potenzielle Konkurrierende und sogar potenzielle Feinde –, da es im Weltraum keine Grenzen gibt. Er betonte die Notwendigkeit einer zügigen Entscheidungsfindung und eines gut etablierten Regelwerks, um Konflikte und die Möglichkeit eines Krieges zu vermeiden. Seiner Meinung nach gibt es mehrere mögliche Zukunftsszenarien – und Europa sollte sich für dasjenige entscheiden, das es anstrebt, auch wenn es noch nicht in der Lage ist, diese zu beschreiben.

Sicherheit im Weltraum: Wie organisieren und koordinieren wir europäische Ressourcen? 

Die erste Podiumsdiskussion wurde von Wilhelmine Stenglin, Redakteurin bei Table.Media, moderiert und befasste sich mit den Themen Sicherheit, Autonomie und Widerstandsfähigkeit im Weltraum. Die Referent:innen äußerten sich zu den nationalen Weltraumstrategien Frankreichs und Deutschlands und begrüßten einstimmig die von Deutschland geplanten Investitionen in die Weltraumverteidigung.

„Sicherheit beginnt mit Autonomie – das ist in Europa ein alter Gedanke.“ So forderte Thomas Courbe, Generaldirektor für Unternehmen im Ministerium für Wirtschaft, Finanzen sowie industrielle, digitale und energetische Souveränität, eine Verringerung der übermäßigen Abhängigkeit und die Einführung einer klareren Governance im Bereich der Weltraumsicherheit. Er betonte die Notwendigkeit, Innovationen zu fördern, die seiner Ansicht nach bereits von europäischen Unternehmen initiiert wurden, die Lösungen in Bereichen wie der Raketen- oder Drohnenabwehr vorschlagen.

Laut Thomas Reiter, Leiter der Abteilung Raumfahrt und Sicherheit im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, „ist der Weltraum nach wie vor ein Leuchtturm der internationalen Zusammenarbeit“. Er erkannte die von Russland und China ausgehende Bedrohung und warnte, dass Operationen in unmittelbarer Nähe sowie der mögliche Einsatz russischer Atomwaffen im Orbit eine erhebliche Gefahr für die Sicherheit Europas darstellten. Seiner Ansicht nach ist die derzeitige Abhängigkeit der Lieferkette von den USA nicht kritisch, da die gegenseitigen Abhängigkeiten zeitweise relativ ausgeglichen sind. Abschließend forderte er eine starke europäische Säule innerhalb der NATO und wies darauf hin, dass Europa bei der Massenproduktion von Satelliten noch Nachholbedarf habe, wobei der Erneuerungszyklus ein wichtiger Aspekt sei. 

Antje Nötzold, leitende Wissenschaftlerin an der Universität der Bundeswehr München, äußerte die Befürchtung, dass Europa im Weltraum zunehmend fragmentiert werden könnte. Sie plädierte für eine bessere Koordinierung und die Verwirklichung von Interoperabilität, da immer mehr Länder Nischenkompetenzen im Weltraum einbringen. Aus ihrer Sicht führt die Menge der verfügbaren Daten zu einer Informationsüberflutung, während transparente Gefechtsfelder und Echtzeitkriegsführung nur begrenzte Informationen zum richtigen Zeitpunkt benötigen. Darüber hinaus bezeichnete sie das Fehlen einer allgemein akzeptierten europäischen Führungsrolle als eine der zentralen Herausforderungen für den Kontinent.

Paul Wohrer, Leiter des Weltraumprogramms am französischen Institut für internationale Beziehungen, erinnerte an die Bedeutung des Weltraums auf dem ukrainischen Schlachtfeld und betonte die Notwendigkeit, potenzielle Gegner davon abzuhalten, Europa anzugreifen. Er schloss sich den Bedenken hinsichtlich der Fragmentierung an, erkannte jedoch gleichzeitig die „äußerst ausgereifte Industrie in Europa“ an, die bereits in den Bereichen Überwachung, Navigation und Telekommunikation tätig ist. Seiner Ansicht nach bestehen jedoch kritische Lücken bei Frühwarnsatelliten. Dies könnte durch die Umsetzung der Lehren aus der Ukraine angegangen werden, die bereits Erfahrung mit den neuen Formen der Kriegsführung hat.

Investieren und integrieren: Die Rolle europäischer Unternehmen beim Aufbau einer innovativen Weltrauminfrastruktur 

Die zweite Podiumsdiskussion wurde von Cécile Boutelet, Wirtschaftskorrespondentin von Le Monde in Deutschland, moderiert und befasste sich eingehend mit dem Gleichgewicht zwischen dem öffentlichen Sektor, etablierten Akteuren und neuen Raumfahrtunternehmen.  

Samuel Mamou, Direktor von Alliance New Space France, räumte ein, dass nicht alle benötigten Technologien in Europa verfügbar sind, und betonte die Notwendigkeit einer langfristigen Strategie, um mit der Entwicklung vor Ort zu beginnen. Seiner Ansicht nach war es für Unternehmen in den 2010er Jahren am einfachsten, sich in den USA niederzulassen; heute stelle sich vielmehr die Frage, wie eine Zusammenarbeit zwischen den etablierten Akteuren und den neuen Raumfahrtunternehmen, die in Frankreich und Deutschland entstehen, erreicht werden könne.

Magnus von Cramm, Leiter des Bereichs Raumfahrt beim Verband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie, ist der Ansicht, dass „es im Weltraum unmöglich ist, nationalistisch zu sein; jeder wird von den Entwicklungen profitieren“. Somit werde Deutschlands Investition in die Raumfahrtindustrie dem gesamten Kontinent zugutekommen, unter der Voraussetzung, dass die Regierungen „industrieller denken“ und für eine gute Industriepolitik sorgen.

Herman Ludwig Moeller, Direktor des European Space Policy Institute, betonte die Notwendigkeit, die europaweit aufbringbaren Mittel aufzustocken. Seiner Ansicht nach müsse das Risikokapital, das derzeit nur 10 % ausmacht, verdoppelt werden. Europa sollte ein Weltraumbudget von 50 Milliarden pro Jahr (öffentlich und privat zusammen) erreichen und „nicht alles auf eine Karte setzen“, wobei er Starlink in der Ukraine als Beispiel nannte, sondern über Branchen und Länder hinweg diversifizieren. Schließlich forderte er strenge Mechanismen in Bezug auf ausländische Direktinvestitionen.

Erin Pobjie, Senior Fellow für Weltraumfragen am International Institute for Strategic Studies, beleuchtete den rechtlichen Rahmen im Weltraum, in dem Staaten für die Handlungen kommerzieller Akteure verantwortlich werden. Sie argumentierte, dass angesichts der zunehmenden Überfüllung des Weltraums unbeabsichtigte Ereignisse wie Kollisionen wahrscheinlicher werden und kommerzielle Akteure in militärischen Kontexten ins Visier geraten könnten. Sie wies auf das Spannungsfeld zwischen nationaler Souveränität und der Flexibilität hin, die die Branche bietet, und forderte gemeinsame Standards und Regeln für verantwortungsbewusstes Verhalten im Weltraum.

Schlusswort

Zu Abschluss bezeichnete Thu Nguyen, Co-Direktorin des Jacques Delors Centre, die Weltrauminfrastruktur als „genau die Art von strategischer Ressource, die wir brauchen“. Sie betonte, dass Investitionen in diese Infrastruktur ein gemeinsames europäisches Ziel widerspiegeln und daher zu einem gemeinsamen Ansatz führen sollten, wobei die heute getroffenen Entscheidungen Europa für die kommenden Jahre prägen werden. 

Sehen Sie sich unten eine Aufzeichnung der Veranstaltung an.

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More Information

Unsere „Wissenschaft trifft Politik“-Veranstaltung bringt Referent:innen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in einem deutsch-französischen Rahmen und mit europäischer Perspektive zusammen, um diese Fragen zu erörtern. Sie ist Teil der Veranstaltungsreihe „Pariser Platz Gespräche“, die vom Auswärtigen Amt gefördert wird. Die Veranstaltung wird von der französischen Botschaft in Deutschland unterstützt.

Photo credits: Sebastian Pfütze